Im Jemen wird Polio (Kinderlähmung) zunehmend zu einem ernsten gesundheitlichen Problem. Daran beteiligt sind abstruse Verschwörungstheorien. Im September 2014 übernahm im Jemen die Huthi-Gruppe die Kontrolle über das Gouvernement Saada. Seitdem behindert sie Impfungen und setzt dabei auf Verschwörungstheorien. Impfstoffe sind nämlich gemäss der Propaganda der Huthi „eine jüdische Industrie, die darauf abzielt, die Gesellschaft zu zerstören“. Ausserdem sollen Impfungen die sexuellen Fähigkeiten von Männern schwächen und bei Frauen Sterilität auslösen. Von den Huthi eingesetzte lokale „Kulturaufseher“ wiederholen die Verschwörungstheorien in ihren jeweiligen Bezirken.
Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern der von Huthi kontrollierten Regionen haben sich diese Verschwörungstheorien inzwischen verbreitet. Das zeigt beispielhaft die Anzahl negativer Kommentare auf der Facebook-Seite von Unicef im Jemen. Die Organisation und auch die von ihr geförderten Impfungen werden angegriffen. Manche Kommentatoren behaupten sogar, Impfstoffe schädigten den Verstand von Kindern.
Im September 2020 erklärten der Regionaldirektor des Kinderhilfswerks Unicef und der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass die meisten Poliofälle im Jemen sich auf das Gouvernement Saada konzentrierten. Denn die routinemäßigen Impfungen würden in dieser Region nur in geringem Umfang durchgeführt. In der Gegend seien seit mehr als zwei Jahren keine Impfprogramme mehr durchführbar. Das ist eine Anspielung auf die Impfgegnerschaft der iranisch unterstützten Huthi-Rebellen.
Tragische Todesfälle durch Impfgegnerschaft
Die vierjährige Amani wohnte in einem Dorf im Gouvernement Haddschah im Nordwesten des Jemen. Die Region steht ebenfalls unter Huthi-Kontrolle.
Im Februar dieses Jahres infiziert sich Amani mit dem Poliovirus. Innerhalb weniger Wochen nach der Infektion stirbt das Kleinkind auf der Intensivstation des Al-Thawra-Krankenhauses in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Das Polioirus hat ihre Atemmuskulatur stillgelegt.
Amanis Vater Abdullah sagt, Amani habe seit ihrer Geburt keinen einzigen Impfstoff erhalten, weil die Impfteams nicht mehr so wie früher kommen.
Nawara Ali arbeitet im Gesundheitswesens des von Huthi kontrollierten Gouvernement Hodeida. Der taz berichtet sie über ihre Arbeit als Teil eines mobilen Impfteams in Hodeida: „Früher haben die Menschen ihre Kinder zur Impfung gebracht, aber nach der Propaganda und den falschen Informationen, die in letzter Zeit verbreitet wurden, kommen sie kaum noch. Einige Familien haben begonnen, ihre Kinder vor uns zu verstecken – sie leugnen, dass sie Kinder haben. Manchmal werden wir angegriffen, geschlagen und beschimpft.“
Muhammad Mustafa ist ein hoher Mitarbeiter im Gesundheitsministerium der mit den Huthi verfeindeten jemenitischen Regierung. Der taz gegenüber erklärt er: „Der Ausbruch des Virus im Gouvernement Saada ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Huthi-Gruppe seit 2005 aus religionsideologischen Gründen die Durchführung von Impfkampagnen verhindert hat.“
Im Jahr 2019 sei das Poliovirus vorerst nur in Saada aufgetreten. Im August 2021 sei es zu einem ersten Fall in einem von der Regierung kontrollierten Bezirk gekommen. Das infizierte Kind sei aus den von den Huthi kontrollierten Regionen eingereist.
Mustafa erklärt: „Derzeit gibt es in den von Huthi kontrollierten Gebieten drei verschiedene Varianten des Poliovirus.“ In den Regierungsgebieten gebe es dagegen als Resultat der kontinuierlichen Impfkampagnen nur eine Variante.“
Huthi-Anführer auch mit Verschwörungstheorien zu Covid-19
Die Verschwörungstheorien rund um die Impfungen betreffen im Jemen nicht nur Polio. Zum Covid-19-Virus erklärte der Anführer der Huthi-Rebellen, Abdul-Malik al-Huthi, in einer Fernsehansprache im März 2020:
„Viren und Epidemien sind biologische Kriegsführung, hergestellt von entwickelten Ländern in Laboratorien.“ Es gebe Länder wie etwa die Vereinigten Staaten von Amerika, die diese Viren zu nutzen versuchten, um Menschen zu töten sowie Ländern und Gesellschaften zu schaden.“
Quelle:
Huthi-Rebellen im Jemen gegen Impfungen: „Religionsideologische Gründe“
(Tageszeitung, TAZ)
Ergänzung:
Dass ein von Hunger, Krieg und Verwüstung gebeuteltes Land noch von religiösen Ideologen mit Verschwörungstheorien über Impfungen traktiert wird, ist erschütternd. Die Falschinformationen und Lügen der Impfgegner in Jemen sind aber nicht so grundsätzlich anders wie in Europa, den USA oder weiteren Teilen der Welt. Auch bei uns wird faktenfrei mit Unfruchtbarkeit gedroht, tauchen antisemitische Verschwörungstheorien auf, neigen fundamentalistische Gläubige speziell zu Verschwörungsideologien….
Siehe auch:
Der Evangelikalismus neigt zu Verschwörungstheorien – aber nicht immer und überall….
Fanatisierte Impfgegner auf Angstmacher-Mission bei Aborigines